„We are all just temporarily abled.“
Cindy Li
Wir sind alle nur vorrübergehend fähig. So sagt es die UX-Designerin Cindy Li, das Konzept ist aber schon viel älter und geht wohl auf Dr. Henry Viscardi Jr. zurück. Es soll uns bewusst machen, dass nur etwa 20% der Behinderungen angeboren sind. Den Großteil an Einschränkungen erlangen wir im Laufe des Lebens durch Krankheiten, Unfälle oder Infektionen. Oder durchs Altern. Die Feinmotorik lässt nach, die Sehstärke, das Hörvermögen. Hinzu kommt das Gefühl, technisch abgehängt zu werden. Neue Technologien, Geräte, Bedienkonzepte werden immer schwerer erlernt.
Setzen wir also jetzt schon auf ein barrierefreies Internet für Senioren, dann tun wir das möglicherweise nicht für andere. Wir tun es auch für unser zukünftiges Selbst. Für uns, die nächstes Jahr einen schweren Hörsturz erleiden. Für uns, die in 10 Jahren deutlich schlechter sehen, als heute. Und wenn wir wollen, dass wir im Alter das Internet noch bedienen können, dann lasst uns heute damit anfangen.
Doch wie kann ich das Internet für Senioren so gestalten, dass es intuitiv bedienbar ist?
Spätes Umlernen
Wenn im Alter Einschränkungen hinzukommen, dann helfen Gewohnheiten oft nicht weiter. Dann kann die seit 30 Jahren am Frühstückstisch gelesene Tageszeitung möglichwerweise nicht mehr gut erkannt werden. Die Lieblingsserie wird nicht mehr verstanden. Und dann müssen Menschen sich umgewöhnen. Menschen, die ab Geburt oder in jungen Jahren mit Einschränkungen leben, lernen auch früh notwendige Hilfsmittel zu nutzen. In einer Zeit, in der unser Gehirn ohnehin aufs Lernen eingestellt ist.
Je später im Leben wir mit neuen Situationen konfrontiert sind, desto schwerer fällt es uns oft, uns daran anzupassen. Kommen im Alter dann viele Einschränkungen auch noch gleichzeitig hinzu – Sehschwäche, schlechte Hörfähigkeiten, möglicherweise Demenz – dann ist es nur nachvollziehbar, dass man damit überfordert sein kann. Sich an ein Hörgerät gewöhnen und gleichzeitig die Nutzung von Tastaturbedienung und möglicherweise Screenreadern erlernen, wenn die Feinmotorik auch nachlässt? Das ist viel Arbeit.
Betriebssysteme und Browser bieten inzwischen fast alles, was das Herz begehrt, wenn es um Assistenz geht. Über zusätzlich installierte Software können zusätzliche Bedarfe abgedeckt werden. Trotzdem kann es sinnvoll sein, niederschwellige Einstiege in wichtige Funktionen zu bieten. Häufig werden dazu übersichtliche Toolbars angeboten, die einige Funktionen wie die Vergrößerung der Schrift bereitstellen. Auch ein kleiner On-Page-Screenreader zum Vorlesen langer Texte kann sinnvoll sein.
Verwechseln Sie diese Funktion aber keinesfalls mit den teuren, nutzlosen, rechtlich fraglichen und oft sogar schädlichen Accessibility-Overlays, die versprechen, Ihre Website mit nur einem Script barrierefrei zu zaubern (und fast immer auch mit einer Toolbar daher kommen). Grundlage für eine gute Toolbar ist immer eine schon barrierefreie Website! Eine Toolbar ist kein Ersatz für die „echten“ Assistenzen, die dann auch Seitenübergreifend konsistent funktionieren. Sie kann diese maximal ergänzen und einen einfachen Einstieg bieten.
Mehr zu Toolbars und Overlays:
- Hochkontrast und Schriftvergrößerung – die Accessibility Toolbar
- Accessibility Overlays und die Mär der automatischen Barrierefreiheit
Wenn das Sehvermögen nachlässt
Zu den typischen Erscheinungen des Alters zählen vor allem Alterssichtigkeit (vergleichbar mit Weitsichtigkeit, aber mit anderen Ursachen) und abnehmender Fähigkeit, Kontraste wahrzunehmen. Beides sorgt dafür, dass Texte und Icons unter Umständen schwerer erkannt und gelesen werden können. Lösen lässt sich das jedoch vergleichsweise einfach:
- Wählen Sie eine etwas größere Schriftgröße für Fließtexte.
Je nach verwendeter Schriftart reicht in den meisten Fällen eine Schriftgröße von 16px aus. Wenn Sie jedoch aufgrund Ihrer Zielgruppe schon wissen, dass diese vor allem von älteren Menschen besucht wird, dann erhöhren Sie die Fließtextschrift doch gleich auf 17 oder 18px. - Setzen Sie auf eine serifenlose, gut lesbare Schrift.
Mit Schriften zu gestalten macht Spaß. Je mehr Details eine Schrift hat, desto schlechter lesbar ist sie aber. Wählen Sie deshalb eine Schrift ohne Serifen, bei der sich aber die einzelnen Buchstaben gut unterscheiden. Die Buchstaben I (großes i) und l (kleines L)? Der Buchstabe O und die Zahl 0? Testen Sie es doch einmal selbst: Kneifen Sie die Augen zusammen bis die Schrift unscharf wird. Können Sie den Text noch lesen? - Setzen Sie auf starke Farbkontraste.
Die Anforderungen an den Kontrast zwischen Vorder- und Hintegrrund bei Grafiken und Schrift sind klar festgelegt. Im Allgemeinen werden hier die Werte für Level AA angenommen, die eine gute Barrierefreiheit sicherstellen. Aber nutzen Sie doch einmal die Stufe AAA und damit stärkere Kontraste als Grundlage für Ihr Design, vor allem bei langen Texten und wichtigen Elementen.
Mehr zu Schriften:
Mehr zu Farbkontrasten:
- 3:1, 7:1 – Wie berechnet sich eigentlich der Kontrast zwischen Farben?
- Barrierefreie Farben gibt es nicht
- Darkmode oder Dunkelmodus auf Ihrer Website
Wenn die Feinmotorik nicht mehr fein ist
Je älter wir werden, desto mehr lässt unsere Feinmotorik nach. Krankheiten wie Parkinson, die vor allem im Alter auftreten, verstärken das Problem zusätzlich. Hinzu kommt, dass die heutigen Senioren nicht als Digital Natives aufgewachsen sind und die Bedienung der Maus nicht tagein, tagaus im letzten Computerspiel perfektionierten. Wir haben es also mit Nutzern unserer Websites zu tun, denen es schwerer fällt, diese mit der Maus zu bedienen. Die aber auch mit den Shortcuts und Möglichkeiten einer Tastaturbedienung nicht vertraut sind und in vielen Fällen trotzdem zur Maus greifen.
Die Probleme?
- Ziele exakt zu treffen fällt schwer.
- Schnell und sauber bestimmte Bewegungen auszuführen wird zur Herausforderung.
Doch beiden Problemen kann man beruhigt entgegentreten, wenn man einige Grundlagen beachtet.
Achten Sie zum Einen auf die Mindestzielgröße interaktiver Elemente. Das ist die Fläche, die anklickbar ist. Gemäß WCAG 2.1 lag diese noch bei 44 × 44px (Level AAA), in der WCAG 2.2 wurde eine neue Anforderung für Konformitätslebel AA eingeführt, in der eine Fläche von 24 × 24px gefordert wird. Sie darf bei größerem Abstand der Elemente sogar noch viel kleiner sein (theoretisch sogar 0, eine bekannte Lücke). Orientieren Sie sich gerade bei wichtigen Funktionen hier ruhig an den 44px, Ihre Nutzer und Nutzerinnen werden es Ihnen danken.
Und was die Bewegungen angeht? Geben Sie Ihren Nutzern Zeit und tollerieren Sie Fehler. Nicht ganz sauber auf das ausgeklappte Untermenü bewegt? Implementieren Sie ruhig einen kleinen Puffer, so dass sich das Menü nicht sofort schließt. Verzichten Sie auf Zeitlimits wo immer möglich und bieten Sie Alternativen für bestimmte Mausbewegungen (wie Drag & Drop) an. So vermeiden Sie Frust bei allen Menschen mit schlechter Feinmotorik.
Klare Struktur und einfache Navigation
Meine Mutter meint stets: Rentner haben nie Zeit. Wer weiß, ob etwas dran ist. Klar ist aber: Schnell am Ziel sein möchten wir alle. Wenn es schwerer fällt mit neuen, fremden Situationen klar zu kommen (und damit auch fremden Websites), dann ist eine einfache Navigation besonders wichtig. Hier einige Tipps, die Ihren Nutzern helfen können:
- Teaser zu den wichtigsten Inhalten, direkt und prominent auf die Startseite
- Eindeutige Beschriftungen für Buttons, Icons (auch weit verbreitete) werden möglicherweise nicht verstanden
- Zwischenüberschriften, ggf. mit passenden Bildern für jeden Abschnitt. So kann das Auge den Text schnell überfliegen.
- Klare, einfache Sprache. Buttons wie „Ruf mal durch“ oder „Sagen Sie Hallo“ mögen charmant sein, ein einfaches „Kontakt“ wird oft aber eher erklären, wie man Sie erreicht.
Fazit – Internet für Senioren schon jetzt umsetzen
Unsere Gesellschaft wird älter, und viele Websites sind auf die Bedürfnisse älterer Menschen nicht vorbereitet. Kleine Schrift, unklare Navigation, schwache Kontraste oder komplizierte Interaktionen erschweren die Nutzung. Gleichzeitig nehmen im Alter häufig mehrere Einschränkungen gleichzeitig zu – etwa Seh- und Hörschwächen oder nachlassende Feinmotorik.
Eine seniorengerechte Website braucht deshalb:
- gut lesbare Schriftarten und ausreichende Schriftgrößen
- starke Kontraste und klare Farbwahl
- ausreichend große und gut platzierte Klickflächen
- einfache Sprache und nachvollziehbare Strukturen
- Bedienbarkeit ohne spezielle Technikkenntnisse
Diese Maßnahmen nützen nicht nur älteren Menschen, sondern machen die Website für alle zugänglicher – unabhängig von Alter, Erfahrung oder Einschränkungen. Wer heute barrierefrei entwickelt, investiert in die eigene langfristige Nutzbarkeit und schließt niemanden aus.