Unicode Formatierung erklärt – warum Screenreader daran scheitern

27.5.2026
Absurde Illustration: Pilz mit Auslegern, in denen das Wort A11Y steht
„Fetter“ Text ohne HTML? Unicode Formatierung macht’s möglich – und kaputt. Warum das für Screenreader problematisch ist.

Inhaltsverzeichnis

Unicode Formatierung ist längst kein Nischentrick mehr. Ein kurzer Blick durch LinkedIn, Instagram oder TikTok reicht, um zu sehen, wie verbreitet sie geworden ist. Überschriften werden fett, einzelne Wörter kursiv hervorgehoben, ganze Absätze in verspielten, teilweise schwer lesbaren Schriftvarianten dargestellt. Dazu kommen Frakturschriften, umrandete Buchstaben oder komplett stilisierte Alphabete, die eher wie ein Design-Experiment wirken als wie normaler Text.

Der Reiz dahinter ist nachvollziehbar. Beiträge sollen auffallen, sich vom Feed abheben, mehr Aufmerksamkeit bekommen. Einzelne Textabschnitte sind dem Autor besonders wichtig. Das Datum der Veranstaltung beispielsweise. Klassische Formatierungsmöglichkeiten sind auf vielen Plattformen eingeschränkt oder gar nicht vorhanden. Also wird zu Tools gegriffen, die scheinbar genau das liefern: Text, der aussieht, als wäre er formatiert.

Was dabei oft übersehen wird: Diese Art von „Formatierung“ ist keine Formatierung im eigentlichen Sinne. Heute schauen wir uns an, wie genau diese Formatierung funktioniert und was das aus Sicht der Barrierefreiheit bedeutet.

Wie Unicode Formatierung funktioniert

Um zu verstehen wie die Unicode Formatierung funktioniert, müssen wir zunächst einmal verstehen, was eigentlich Unicode ist.

Zeichentabellen und Blöcke

Unicode ist im Kern erst einmal nichts anderes als ein riesiges Ordnungssystem für Zeichen. Ziel ist es, jedem darstellbaren Zeichen weltweit eine eindeutige Nummer zuzuweisen – unabhängig von Plattform, Sprache oder Schrift.

Der zentrale Baustein dabei ist der sogenannte Codepoint. Das ist eine eindeutige Kennung für ein Zeichen, meist in der Form U+XXXX notiert. Das klassische „A“ hat zum Beispiel den Codepoint U+0041. Ein „ä“ ist U+00E4. Selbst Emojis besitzen solche eindeutigen Zuordnungen.

Um die enorme Menge an Zeichen zu organisieren, ist Unicode in sogenannte Blöcke aufgeteilt. Das sind zusammenhängende Bereiche von Codepoints, die thematisch gruppiert sind.

Ein paar Beispiele:

  • Basic Latin (U+0000 – U+007F) → unser gewohntes Alphabet
  • Latin-1 Supplement → erweiterte Zeichen wie ä, ö, ü
  • Greek, Cyrillic → andere Schriftsysteme
  • Mathematical Alphanumeric Symbols (U+1D400 – U+1D7FF) → Zeichen für mathematische Formeln

Zusätzlich gibt es auch Bereiche ohne feste Zuordnung – sogenannte reservierte Codepoints, die aktuell keinem Zeichen zugewiesen sind und für zukünftige Erweiterungen freigehalten werden. Jede Schriftart darf sie aber grundsätzlich für eigene Zeichen frei verwenden.

Zeichen sind nicht gleich Darstellung

Ein häufiger Denkfehler: Man geht davon aus, dass ein Zeichen und seine Darstellung zusammengehören. Wir lernen schon im Kindergarten: ein A besteht aus 3 Strichen, die genau so angeordnet sind. Alles andere ist kein A. Auf dem Papier mag das richtig sein, im Rechner aber nicht. Tippen wir auf unserer Tastatur auf die Taste A werden nicht die typischen 3 Linien abgespeichert, sondern das Zeichen U+0041. Wie das in einer bestimmten Schriftart aussieht ist völlig egal. Das beste Beispiel dafür ist die gute alte Wingdings-Font.

Unicode definiert also nur das abstrakte Zeichen. Wie dieses Zeichen aussieht, entscheidet später die individuell gewählte Schriftart, das Betriebssystem oder der Browser. Ein „A“ bleibt also immer derselbe Codepoint – egal ob serifenlos, kursiv oder fett dargestellt.

Was macht Unicode Formatierung?

Möchte ich als Autor auf dem Social Media Portal meiner Wahl jetzt also nicht die Buchstaben haben, die mir zur Verfügung stehen, dann muss ich kreativ werden. Klassisch würde man im CMS Texte mit strong, em, oder einer anderen Schriftart auszeichen. All das steht hier nicht zur Verfügung.

Was die sogenannten Formatter also machen, ist Codepoints auszutauschen. Ein klassisches B(U+0042) wird durch ein 𝐁 (U+1D401) ersetzt.

Es gibt dabei keine besondere Information über eine Hervorhebung. Es ist schlicht ein anderes Zeichen. In unserem Fall ein mathematisches fettes B.

Wie Screenreader und Suchmaschinen damit umgehen

Stand jetzt haben die meisten Screenreader und Suchmaschinen kein oder nur wenig Verständnis für die optische Ausgabe auf dem Bildschirm. Ihr Verständnis für den präsentierten Text basiert einzig und allein auf den hinterlegten Codepoints (oder kombiniert im Fall von Suchmaschinen beides.)

Werden diese also nun ausgetauscht, passiert folgendes:

  1. Screenreader lesen oft keinen Text mehr vor, denn sie haben keinen Text vor sich. Hat man mathematische Zeichen eingesetzt, werden diese als solche vorgelesen. Das grenzt aber an ein sehr aufwendiges Buchstabieren und ist bei längeren Texten absolut unverständlich. Werden Zeichen aus den reservierten Bereichen verwendet, wird meistens einfach nichts gelesen. Der Text ist „unsichtbar“. Nur wenige Screenreader versuchen inzwischen, dort etwas hineinzuinterpretieren.
  2. Suchmaschinen geben die Texte genau so aus, wie sie eingegeben wurden. Dadurch entsteht bei Nutzern oft der Eindruck, dass sie diesen auch verstehen würden. Aber: da es sich technisch um anderen Text handelt als visuell, wird er eben nicht unter dem gewünschten Keyword indiziert. Eine Suche nach „Baum“ findet eben nur einen echten Baum und keinen 𝗕𝗮𝘂𝗺.

Besonders witzig wird das in Texten, in denen Umlaute zum Einsatz kommen. Da es praktisch keine formatierten Zeichen gibt, die aussehen wie ä, ö oder ü, bleiben diese in den gängigen Tools einfach im Original erhalten. So entstehen Mischwörter wie 𝗞ä𝘀𝗲, die nicht nur seltsam aussehen, sondern von denen dann meist akustisch nur noch ein ä übrig bleibt. Das verwirrt dann noch mehr, als wäre der Text garnicht da.

Aber könnten Screenreader nicht auch verstehen, was ich meine?

Oft höre ich als Reaktion auf diese sehr technische Erklärung, dass in Zeiten von KI und co. die Screenreader doch auch aus dem Kontext einfach erkennen könnten, dass ich Text meine und den dann vorlesen. Sie könnten sozusagen berichtigen, was falsch im Quelltext steht. Scansoftware könnte doch auch gedruckte Texte auswerten und digitalisieren.

Theoretisch geht das, klar. Und einige tun das sogar. Aber es gilt zu bedenken: Es ist die Aufgabe von Screenreadern genau das auszugeben, was dasteht. Das ist ja Teil der Inklusion, dass eben kein „Sonderinhalt“ erzeugt wird. Auch ist es nicht die Aufgabe, komplexe Interpretationen zur Laufzeit vorzunehmen. Dies würde Tür und Tor für weitere Anpassungen (aus politischen/ideologischen Gründen) öffnen.

Außerdem ist das garnicht so einfach. Wer sagt denn, dass nicht wirklich eine Formel gemeint war? Und wenn sogar die reservierten Bereiche ohne Semantik im Einsatz sind, müssten Screenreader nicht nur den Quelltext, sondern die visuelle Repräsentation im Browser optisch scannen, den entsprechenden Text wiederfinden und dann daraus wieder Code machen. Das alles, während die Nutzer teils sehr schnell über die Seite navigieren. Das ist schlicht unrealistisch und ineffizient nur um ein Problem zu lösen, dass Autoren erst künstlich geschaffen haben.

Alternativen zur Unicode Formatierung

Wenn Text hervorgehoben werden soll, gibt es dafür eigentlich längst etablierte Wege. Sie sind weniger spektakulär, funktionieren dafür aber zuverlässig – für Menschen genauso wie für Maschinen.

Im Web ist die naheliegendste Lösung semantisches HTML. Elemente wie <strong> oder <em> transportieren nicht nur eine visuelle Hervorhebung, sondern auch Bedeutung. Ein Screenreader erkennt, dass ein Teil des Textes betont ist, und gibt das entsprechend wieder. Die Darstellung lässt sich anschließend über CSS steuern, sogar mit verrückten Schriftarten.

Mehr über die Textformatierung mit HTML und CSS gibt es hier: Mit HTML fett und kursiv schreiben – strong, b, em, i und co.

Auf Social-Media-Plattformen sind die Möglichkeiten für solche Formatierungen bisher leider sehr rar gesät. Deshalb greifen viele zu den unsauberen Alternativen. Wenn solche Funktionen fehlen, ist Zurückhaltung meist die bessere Wahl. Klar strukturierter Text, sinnvolle Absätze und eine saubere Gliederung erreichen oft mehr als dekorative Schriftvarianten. Im Zweifelsfall kann ein bewusst gesetztes Emoji den Blick auf wichtige Passagen lenken.

Fazit

Der Wunsch nach Hervorhebung ist absolut nachvollziehbar. Texte sollen strukturiert sein, wichtige Inhalte sollen ins Auge fallen, Botschaften klarer werden. Genau dafür gibt es Formatierung und genau deshalb ist sie sinnvoll.

Unicode Formatierung wirkt auf den ersten Blick wie eine einfache Lösung für ein echtes Problem. Gerade dort, wo die Plattformen kaum Gestaltungsmöglichkeiten bieten, ist der Griff zu solchen Tools naheliegend. Der Effekt ist sichtbar, schnell umgesetzt und scheinbar harmlos. Oft fällt es den Autoren womöglich garnicht auf, da sie in ihren Tools scheinbar klassische Formatierung vornehmen.

Aber: Unicode Formatierung löst ein visuelles Problem, indem sie ein technisches schafft.

Denn was für das Auge funktioniert, bricht an anderer Stelle auseinander: Bedeutung geht verloren, Inhalte werden schlechter zugänglich, Maschinen können Text nicht mehr zuverlässig verarbeiten. Das betrifft Screenreader genauso wie die Suche, Weiterverarbeitung oder Übersetzung.

Die bessere Lösung liegt eigentlich auf der Hand. Wenn Formatierung gewünscht ist – und das ist sie aus gutem Grund – dann sollte sie auch als solche angeboten werden. Social Media Plattformen könnten hier ansetzen und einfache, barrierefreie Möglichkeiten direkt in ihre Editoren integrieren. Keine verrückten Spielereien. <strong>, <em> und eine Überschriftenebene würden absolut ausreichen.

Bis dahin bleibt die Verantwortung beim Inhalt selbst. Und der funktioniert am besten, wenn er nicht nur gut aussieht, sondern auch technisch sauber bleibt.

Dieser Beitrag wurde mit viel Zeit, Liebe, Wissen und einem großen Stapel Schokolade geschrieben.

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