Künstliche Intelligenz und Barrierefreiheit – KI zur Verbesserung digitaler Barrierefreiheit

3.4.2024
Absurde Illustration: Roboter serviert ein Blech mit Plätzchen, darunter ein großes HerzBedeutung: KI kann bei der Barrierefreiheit unter Umständen helfen

Barrierefreiheit braucht menschliche Prüfung. Doch immer mehr Arbeit wird durch KI ersetzt. Erschafft künstliche Intelligenz bald automatische Barrierefreiheit?

Inhaltsverzeichnis

Letzte Woche habe ich die aktuell am Markt befindlichen unbrauchbaren Accessibility Overlays auseinander genommen und konnte hoffentlich klar machen, dass diese keine Barrierefreiheit schaffen. Diese Woche wagen wir einen Blick in die Zukunft. Besteht doch noch Hoffnung für automatisierte Barrierefreiheit? Wie kann Künstliche Intelligenz den ganzen Prozess vorranbringen und welche Probleme gibt es dabei?

Alternativtexte durch künstliche Intelligenz

In einigen sozialen Medien sind sie schon im Einsatz und werden sicherlich an Bedeutung gewinnen: Tools, die Bildinhalte mittels KI auslesen und selbstständig Alternativtexte verfassen. Das hilft Betroffenen immer dann, wenn die Betreiber der Websites selbst keine Alternativtexte vergeben haben. Nutzer könnten an ihrem eigenen Rechner live Alternativtexte hinzufügen und so eigentlich nicht zugängliche Bildinhalte für Assistenztechnologien darstellbar machen.

Diese Technologie funktioniert schon ganz nett und wird sich sicherlich im Laufe der Zeit verbessern. Das größte Problem dieser automatisch generierten Alternativtexte wird allerdings bleiben, dass sie nicht die Intention des Autors widerspiegeln können. Für mich müssen Alternativtexte das beschreiben, was auch ein sehender Nutzer dem Bild entnehmen kann. Das kann je nach Kontext oder Zielgruppe eben etwas völlig anderes sein. Auch die Frage ob Geschlecht oder Hautfarbe relevant (oder überhaupt korrekt beschrieben) sind, ist für eine KI nicht erkennbar. Bleiben Sie also dabei und schreiben Sie als Autor Ihrer Website die Alternativtexte lieber selbst.

Mehr Tipps dazu, wie man selbst die passenden Alternativtexte wählt im Blogbeitrag über Alternativtexte.

Künstliche Intelligenz für Einfache und Leichte Sprache

Komplizierte Texte können für Menschen mit Leseschwächen, geistigen Einschränkungen oder schlechten Sprachkenntnissen eine echte Barriere sein. Um Inhalte für alle Menschen zugänglich zu machen ist es hilfreich, diese in Einfache oder Leichte Sprache zu übersetzen. Dafür gibt es feste Regeln und insbesondere für die Leichte Sprache auch professionelle „Übersetzer“. Wäre es da nicht deutlich unkomplizierter, KI diesen Job machen zu lassen und kostengünstig an eine Version meiner Website in Leichter Sprache zu kommen?

Grundsätzlich ist das denkbar und zumindest bezüglich der grammatikalischen Regeln auch heute schon gut möglich. Die Aufgabe der Übersetzer geht aber noch weiter, denn sie arbeiten den Inhalt redaktionell völlig neu auf, um wichtige Inhalte gleich an den Anfang des Textes zu setzen. Dabei lassen Sie auch unwichtigere Aussagen komplett weg. Eine solche Entscheidung entsteht immer im Zusammenspiel mit dem Autor. Eine qualitativ ähnlich gute Arbeit durch eine künstliche Intelligenz machen zu lassen benötigt auch eine hohe Kompetenz desjenigen, der die KI nutzt und die entsprechenden Anforderungen beschreibt. Eine spontane Übersetzung auf Seite der Nutzer würde hier zwar sprachlich gut Texte umformulieren, jedoch inhaltlich nicht entsprechend sortieren können.

Intelligente Sprachassistenten

Sprachassistenten sind eine barrierearme Möglichkeit, viele Dinge am Handy, Rechner oder im Haus zu steuern. Leider lautet die Antwort auf viele Fragen der Nutzer aktuell noch „Das weiß ich leider nicht“. Eine Erweiterung der Systeme um Funktionen, die jetzt mit generativer KI populär geworden sind, wird sie für Menschen mit Behinderungen deutlich attraktiver machen.

Das Problem aktueller Assistenten ist, dass Ihr Sprachverständnis nicht mit Menschen mit Behinderung trainiert wird. Schon alltägliche Dialekte können zum Problem werden, spezielle Probleme beim Aussprechen bestimmter Laute durch beispielsweise Menschen ohne Hörvermögen sind jedoch in den Trainingsdaten nicht enthalten und werden so zu einer eigenen Barriere bei der Nutzung der Assistenten.

Übersetzung in und von Gebärdensprache

Mit der Generierung von Videos und der Verbesserung automatischer Bilderkennung entstehen auch ganz neue Möglichkeiten der Nutzung generativer Künstlicher Intelligenz. So könnten beispielsweise Gebärdensprachevideos übersetzt oder, viel wichtiger, automatisch generiert werden. Das ist nicht so einfach wie man denkt, denn Gebärdensprache besitzt eine ganz eigene Grammatik. Aber live übersetzte akkustische Informationen könnten es Betroffenen ermöglichen, spontan an verschiedensten informativen und kulturellen Events teilzunehmen und ihren persönlichen Gebärdepsrachedollmetscher immer dabei zu haben.

Probleme

Das große Problem der aktuellen Systeme sind die Daten, mit denen sie trainiert worden. Wie schon bei den Sprachassistenten erwähnt, werden verschiedene Behinderungen oder Einschränkungen nur wenig bis garnicht in die Testdatensätze integriert. Menschen mit Einschränkungen sind unterrepräsentiert. Klar, es gibt natürlich deutlich weniger Menschen ohne als mit Sehvermögen, weniger im Rollstuhl als auf Beinen. Selbst wenn die Daten also statistisch korrekt verwendet worden, gibt es in den Daten also weniger Informationen über blinde als über sehende Menschen.

Warum das ein Problem ist? Weil generative KI immer die wahrscheinlichste Antwort zurück gibt. Fragt man also ganz allgemein nach einem Bild oder der Beschreibung einer Frau, so wird diese wahrscheinlich nicht im Rollstuhl sitzen oder sonst irgendeine Behinderung besitzen – weil es eben nicht die wahrscheinlichste Konstellation ist. Das führt jedoch mit wachsender Bedeutung von künstlicher Intelligenz in der Erstellung von Texten und Bildern dazu, dass Menschen mit Behinderung noch weniger als jetzt in den Medien repräsentiert werden.

Kein Platz für Fehler

Soll künstliche Intelligenz, ob als Browser-Plugin, Handy-App oder Assistenzroboter, zukünftig Menschen mit Behinderung im Alltag bei wichtigen Entscheidungen oder Fragen helfen, dann müssen sich diese auf die Techbnologie verlassen können. Eine Möglichkeit der Überprüfung besteht nicht, dadurch entsteht eine große Abhängigkeit. Stellen wir uns einen virtuellen Blindenhund vor, der einem Betroffenen hilft, die Welt um ihn herum zu erkennen und Gefahren zu entdecken. Dann kann ein Fehler oder Ausfall des Systems zu einem ernsten Sicherheitsrisiko werden.

Fazit

Die Entwicklung verschiedener Systeme, die aktuell alle unter dem Begriff „künstliche Intelligenz“ fallen (nur wenige davon sind technisch tatsächlich welche) geht rasend schnell voran und ich sehe, dass es auch im Bereich der Assistenzsysteme viele gibt, die sich für einen Nutzen für Menschen mit Behinderung einsetzen. Das ist erfreulich. Dazu müssen Betroffene aber auch beim Training und der Weiterentwicklung einbezogen werden.

Was sagt ChatGPT eigenltich selbst über seine Rolle in der Barrierefreiheit und über die Potentiale von KI? Ich hab es gefragt und es ist ein spannendes Interview über KI und Barrierefreiheit entstanden.