Schriftgröße und Barrierefreiheit – kein Kleingedrucktes mehr

5.6.2024
Absurde Illustration: Große Blume, die in einem Stiefel wächst. Diese beugt sich nach unten und streichelt ein kleines Mädchen mit Glühbirnenkopf.

Warum ist die Schriftgröße entscheidend für Barrierefreiheit und wie finde ich die optimale Schriftgröße für Webdesign, Printmedien und öffentliche Räume?

Inhaltsverzeichnis

Haben Sie es auch schon erlebt, dass Sie näher an den Bildschirm heranrücken mussten und die Augen ein wenig zusammenkneifen um den Text noch lesen zu können? Denn nicht selten wird das Kleingedruckte bekanntermaßen genutzt, um möglichst verfängliche Vertragsdetails zu verstecken. Das Nicht-Lesen-können hat Methode. Doch in der Barrierefreiheit geht es darum, dass möglichst alle Menschen die angebotenen Texte gut lesen können. Schon vor ein paar Wochen habe ich mich mit der Auswahl geeigneter Schriftarten befasst. Heute soll es um die passende Größe gehen. Ab wann gilt eine Schriftgröße als barrierefrei und welche Regeln stellt die Barrierefreiheit zum Thema Schriftgröße noch auf?

Warum ist die Schriftgröße wichtig für die Barrierefreiheit?

Denkt man an Barrierefreiheit hat man oft blinde Menschen im Kopf. Doch die Beeinträchtigungen sind vielseitig, betreffen alle Sinne und sind unterschiedliche stark ausgeprägt. Viel häufiger als Blindheit kommen Einschränkungen des Sehfeldes oder mangelnde Sehschärfe vor. Kleine Schriften zu lesen fällt dann zunehmend schwerer.

Eine größere Schriftgröße gibt diesen Menschen die Möglichkeit, auch ohne den Einsatz von Screenreadern selbstbestimmt Texte lesen zu können. Insbesondere dann, wenn die Schrift nicht beliebig anpassbar ist (beispielsweise im Druck), muss von vornherein auf eine passende Schriftgröße im Sinne der Barrierefreiheit geachtet werden.

Optimale Schriftgrößen für unterschiedliche Medien

Die optimale Schriftgröße auf einen festen Wert festzulegen ist nicht möglich. Oder könnten Sie diesen Text aus 5m Entfernung auch noch lesen? Ich nicht. Das muss ich zum Glück auch nicht, denn jedes Medium hat eine typische Nutzungsentfernung. Ein Handy hält man sich näher vors Gesicht als ein Buch. Ein Laptop ist näher an einem als ein externer Monitor. Straßenverkehrsschilder im Verkehr näher als Werbetafeln.

Grundsätzlich gilt: je weiter weg der Text steht, desto größer sollte dieser dargestellt werden. Überlegen Sie sich bei der Gestaltung Ihres Textes also genau, wo dieser später zu sehen sein wird und lernen Sie Ihre Nutzer kennen. Aber auch andere Kriterien wie die Auflösung unterschiedlicher Medien oder die Druckqualität können eine Rolle spielen.

Tipps zur Wahl der richtigen Schriftgröße

Die Wahl der richtigen Schriftgröße hängt neben dem verwendeten Medium auch von anderen Faktoren ab. Schauen wir sie uns einzeln an.

Die Sehschärfe der Zielgruppe

Wie gut ein Text lesbar ist hängt nicht nur vom Text, sondern auch vom Betrachter ab. Befassen Sie sich deshalb intensiv mit Ihrer Zielgruppe. Die meisten Empfehlungen zur Wahl der Schriftgröße gehen von einer Sehschärfe von mindestens 70% aus. Das trifft auf einen Großteil der Bevölkerung, insbesondere bei Nutzung von Brillen oder Kontaktlinsen zu. Wenn Sie Inhalte jedoch speziell für Menschen mit Sehschwäche (Website eines Optikers) oder ältere Menschen (Informationen des Seniorensportvereins) schreiben, dann sollten Sie entsprechend von schlechteren Werten ausgehen.

Dieser Wert wird als Visus bezeichnet und in einem Wert von 0 bis 1 angegeben. Eine Sehschärfe von 70% entspricht dabei einem Visus-Wert von 0.7. In den beschriebenen Szenarien kann man diesen aber auch gut auf 0.5 (50%) oder 0.4 (40%) senken und mit diesen Werten rechnen.

Die verwendete Schriftart

Nicht jede Schriftart ist gleich gut lesbar, darüber habe ich schon geschrieben. Aber nicht jede gut lesbare Schrift ist auch in der gleichen Größe gut lesbar. Als Maßstab dafür gilt die Mittellänge einer Schrift. Das ist die Höhe, die die meisten Kleinbuchstaben wie a, x oder m haben. Wie groß diese Mittellängen sind, entscheidet der Schriftgestalter. Eine Arial verfügt dabei über deutlich höhere Mittellängen als beispielsweise die Times New Roman. Sie wirkt deshalb bei eigentlich gleich eingestellter Schriftgröße deutlich größer.

  • Schriftgröße ist wichtig für die Barrierefreiheit (Arial)
  • Schriftgröße ist wichtig für die Barrierefreiheit (Readex)

Neben der Mittellänge sollte auch beachtet werden, wie kleinteilig eine Schrift ist. Schriften mit vielen Verzierungen sind deutlich schwerer zu lesen als schlichte, serifenlose Schriften und sollten lieber größer eingesetzt werden. Sie eignen sich für einzelne markante Störer oder Hauptüberschriften. Auch sollten die Unterschiede zwischen beispielsweise einem c und einem o in der verwendeten Schriftgröße noch klar zu erkennen sein.

Empfehlungen zu (meistens) barrierearmen Schriftgrößen

Bei der Gestaltung von Drucksachen wird empfohlen, eine Schriftgröße von etwa 12pt nicht zu unterschreiten. Im digitalen Bereich darf die Schrift gern etwas größer sein und man geht von einem Richtwert von etwa 16px für Fließtext aus. Überschriften sollten dann entsprechend größer werden.

Auf Mobilgeräten wurde die Schriftgröße früher reduziert, da der geringere Platz ausgenutzt werden sollte. Durch die rasant wachsende Auflösung der Geräte geht man inzwischen aber eher davon aus, dass die Schrift auf modernen Mobilgeräten sogar bis zu 18px vergrößert werden kann um am Ende nicht zu klein zu werden. Kleiner als 16px würde ich auch auf mobilen Websiten keinen Fließtext setzen.

Jeder Text ist für irgendwen zu klein

Nachdem Sie sich nun all die Mühe gemacht haben, eine passende Schriftgröße zu finden, muss ich Sie leider enttäuschen. Sie werden keine Größe finden, die von allen sehenden Menschen auch gut lesbar ist. Manche Sehschwächen sind so stark, dass eine extreme Vergrößerung der Schrift oder die Verwendung einer sogenannten Bildschirmlupe notwendig ist. Gestalten Sie Ihre Website nun nach diesen Vorgaben würden womöglich nur noch 2 Worte auf einen Bildschirm passen.

Deshalb ist, neben der Verwendung einer guten Schriftgröße als Basis, die Flexibilität dieser wichtig. In fast allen Browsern gilt eine Basis-Schriftgröße von 16px, die in den Einstellungen aber vom Nutzer angepasst werden kann. Nutzer mit guten Augen können diese gern verkleinern um mehr Inhalt auf dem Bildschirm sehen zu können. Nutzer mit Sehschwächen werden diese nach den eigenen Bedürfnissen vergrößern. In den Richtlinien der WCAG (englisch) wird eine Vergrößerung von bis zu 200% gefordert, das Limit ist das aber nicht. Das heißt, Ihre Website muss auch mit einer eingestellten Schriftgröße von 32px gut funktionieren, testen Sie aber ruhig einmal mit bis zu 48px. Das bedeutet insbesondere:

  • Die Schrift muss sich dieser Einstellung tatsächlich anpassen und Fließtexte und Überschriften entsprechend vergrößert werden.
  • Es dürfen (bei 200% Vergrößerung) keine Inhalte abgeschnitten oder von anderen Inhalten verdeckt werden
  • Im Idealfall passen sich Breakpoints (der Wechsel zwischen unterschiedlichen Anzeigen bei unterschiedlichen Bildschirmgrößen) den Einstellungen an und Sie sehen dann eben eine sehr, sehr große mobile Website

Die Lösung für flexible Layouts: rem

Eine Anpassung an unterschiedliche Schriftgrößen erreichen Sie am Besten durch den Einsatz der Einheit rem für alle Angaben von Größen. 1rem entspricht dabei der einfachen Basisschriftgröße. Das ist also entweder die Schriftgröße, die der Nutzer im Browser eingestellt hat oder die, die Sie mit CSS am <body>-Element setzen.

Anschließend können Sie alle anderen Werte relativ zur Schriftgröße definieren. Abstände, Höhen und Breiten, aber auch die Schriftgröße anderer Elemente wie Überschriften. Der Vorteil liegt ganz klar darin, dass immer ein harmonisches Bild erhalten bleibt, da die Elemente gemeinsam wachsen.

Schriftgröße und Barrierefreiheit – Fazit

Die richtige Schriftgröße für Ihr barrierefreies Projekt zu finden ist enorm wichtig. Nutzer werden eine gut gewählte Schrift und eine adäquate Schriftgröße mit langen Verweildauern belohnen. Ihre Texte werden gelesen und Sie werden neue Kunden gewinnen. Zu kleine Schrift wird dagegen oft mit mangelnder Professionalität verbunden. Denken Sie zuerst an Ihre Zielgruppe und passen Sie die Schriftgröße an erwartete Sehschwächen an.

Eine gute technische Lösung zur Ermittlung der besten Schriftgröße bietet der Schriftgrößenrechner von leserlich.info, der auch unterschiedliche Medien und Textarten abdeckt.