Barrierefrei gendern – geht das?

7.2.2024
Absurde Illustration: Zu sehen ist ein auf den Boden aufgezeichnetes Himmel und Hölle Spiel. Statt mit Zahlen sind die Felder mit verschiedenen Symbolen der Genderdebatte und den Symbolen für männlich, weiblich und divers beschriftet. In das erste Feld taucht die Flosse einer Meerjungfrau. bedeutung: Steht für die vielen verschiedenen Möglichkeiten, Geschlechter zu beschreiben und diese in die Deutsche Sprache zu integrieren.

Über das Thema Gendern wird schon seit einiger Zeit hitzig diskutiert. Befürworter und Gegner haben ihre Argumente. Aber wie sieht es aus Sicht der Barrierefreiheit mit dem Gendern aus?

Inhaltsverzeichnis

Verfechter barrierefreiheiter Medien und gendergerechter Sprache haben grundlegend ähnliche Ziele: Die Inklusion und Ansprache aller Menschen. Ich weiß, dass es viel Diskussion für und gegen das Gendern gibt und auf beiden Seiten sachliche Argumente existieren. Ebensoviele Varianten wurden bisher vorgeschlagen, die unterschiedlich weit verbreitet sind. Seien es zusätzliche Trennzeichen wie der Doppelpunkt oder das Sternchen (Entwickler:innen bzw Entwickler*innen), eine sogenannte Binnenmajuskel, also ein Großbuchstabe mitten im Wort (EntwicklerInnen), oder die Verwendung eines genderneutralen Wortes (Entwickelnde).

Doch wie steht es um die Barrierefreiheit all dieser Varianten? Schauen wir uns die verschiedenen Varianten einzeln an.

Genderstern und Unterstrich – Gendern mit Trennzeichen

Als Trennzeichen innerhalb von Wörtern haben sich viele verschiedene Möglichkeiten entwickelt. Die bekanntesten sind:

  • Doppelpunkt (Entwickler:innen)
  • Genderstern, also der Asterix (Entwickler*innen)
  • Unterstrich (Entwickler_innen)
  • Schrägstrich (Entwickler/innen)

Für Nutzer von assistiven Systemen können diese Trennzeichen immer dann ein Problem werden, wenn sie tatsächlich vorgelesen werden. Das stört den Lesefluss und kann dazu führen, dass der Inhalt des Satzes nach dem Trennzeichen nicht mehr richtig erfasst wird. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn Zeichen verwendet werden, die auch sonst als Satzzeichen oder als wichtiger Teil von E-Mail-Adressen vorkommen können. Hier kann es zu Verwirrungen kommen. Ob und wie ein Satzzeichen vorgelesen wird, kann auch von den Einstellungen des Nutzers abhängen und lässt sich nicht pauschal vorhersagen.

Eine Empfehlung der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik legt sich nach technischen Analysen und Umfragen unter Betroffenen auf das Sternchen als beste Variante fest.

Für die Ausgabe auf der Braille-Zeile sind allerdings alle Sonderzeichen ungeeignet und führen zu Problemen, da viele Braille-Zeichen mehrere Bedeutungen haben können. Dazu zählen auch alle erwähnten Sonderzeichen, wodurch es zu Verwirrungen bei Lesern kommen kann.

Großbuchstabe im Wort – Verwendung von Binnenmajuskeln

Eine weitere Variante, gendergerechte Begriffe zu finden, ist die Schreibweise mit einem großen I im Wort. So wird aus Entwicklern und Entwicklerinnen einfach EntwicklerInnen. Ich möchte keine Diskussion über die Eignung oder die Qualität der Sprache eröffnen. Aber wie sieht es aus Sicht der Barrierefreiheit mit dieser Schreibweise aus?

Screenreader kommen mit dieser Art der Schreibweise gut klar und lesen eine kurze Pause vor, genau so, wie es gedacht ist. Gelesen wird also „Entwickler innen“. Das kann jedoch gerade bei Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten auch dazu führen, dass die Wörter getrennt wahrgenommen werden und der Text so keinen Sinn ergibt. Was ist im Entwickler?

Eine Alternative – genderneutrale Begriffe

Wenn nun aber Sonderzeichen und Großbuchstaben nicht ideal sind, dann bleibt noch die Umschreibung mit genderneutralen Begriffen. Wir können vom Team, statt unseren Mitarbeiter*innen sprechen, von Studierenden statt Student*innen. Diese Variante ist, denkt man an Sprachausgaben oder Braille-Displays, auf jeden Fall die barriereärmste.

Gendern bei Einfacher und Leichter Sprache

In Texten, die bewusst in Einfacher oder Leichter Sprache geschrieben sind, sollte man aufs Gendern in allen Formen lieber verzichten, denn jede der Varianten macht den Text komplizierter zu lesen. Eine veränderte Schreibweise oder unnötig komplizierte Wortschöpfungen wie „Backende“ statt „Bäcker“ können bei Menschen mit Lernschwächen oder Personen, die die Deutsche Sprache nicht gut beherrschen, zu Verwirrungen führen. Bei allen Anderen führt sie wohl zumindest zu einem verwirrten Schmunzeln.

Gendern und Suchmaschinen

Unabhängig von der Barrierefreiheit verschiedener Varianten lohnt sich ein Blick auf die Suchmaschinenoptimierung (SEO). Hier lässt sich die Erkenntnis knapp zusammenfassen: Ich ranke für das, was ich schreibe. Das heißt, möchte ich, dass meine Internetseite also sowohl für Entwickler, als auch für Entwicklerin oder sogar Entwickelnde gefunden wird, dann sollte ich alle diese Wörter in meinen Texten verwenden. Google erkennt, Stand heute, die Bedeutung einer gendergerechten Sprache nicht.

Fazit

Wie man sieht, ist eine Vereinbarkeit von gendergerechter und barrierefreier Sprache nicht immer einfach. Die Selbstvertreter führen aber keinen Kampf der Betroffenen, sondern sind im offenen Dialog miteinander. So soll langfristig eine, für alle Seiten akzeptable, Lösung gefünden werden. Bis dahin ist eine Schreibweise in männlicher und weiblicher oder neutraler Form aus Sicht der Barrierefreiheit, Suchmaschinenoptimierung und Gendergerechtigkeit wohl der beste Kompromiss.